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Oktober 2017

17. Oktober 2017
Streit trägt man in der Politik am besten kurz nach einer Wahl aus - immer in der Hoffnung, der Wähler möge sich am Ende der Legislaturperiode nicht mehr an die Schlammschlacht erinnern. Seit der für sie desaströs ausgegangenen Bundestagswahl ist bei der CSU ordentlich Druck im Kessel. Ob sich CSU-Chef Horst Seehofer halten kann oder seinem Intimfeind Markus Söder weichen muss, steht noch nicht fest. Der Machtkampf wurde offiziell zwar vertagt, aber unter der Decke soll es nach wie vor gären. Wobei die CSU vor allem die Landtagswahl im Herbst 2018 im Blick haben muss. Da ist die Zeit, beim Wahlvolk die Erinnerung an die "Schmutzeleien" zu tilgen, schon jetzt reichlich knapp bemessen.
Mehr Zeit kann sich die Linke lassen, denn in Sachsen (dort sitzt sie in der Opposition), Brandenburg (dort ist sie als Juniorpartner an der Regierung beteiligt) und Thüringen (dort stellt sie den Ministerpräsidenten) wird erst 2019 gewählt. Was da gerade bei der Linken genau abgeht, kann man von außen schwer beurteilen. Soll Sahra Wagenknecht wirklich weggemobbt werden, wie ausgerechnet BILD nahelegt? Die zitiert nämlich genüsslich, was Parteichef Bernd Riexinger zu später Stunde in feucht-fröhlicher Runde angeblich gesagt haben soll. Andererseits ist es durchaus verständlich, wenn Parteivorsitzende im Bundestag das gleiche Rederecht beanspruchen, wie die beiden Fraktionsvorsitzenden. Man stelle sich vor, bei der SPD käme Martin Schulz weniger zu Wort als Andrea Nahles. Allerdings geben Anträge, Redebeiträge von Fraktionsmitgliedern hätten grundsätzlich die Mehrheitsauffassung der Fraktion vorzutragen, schon zu denken. Mit abweichenden Meinungen haben bekanntlich alle Organisationen (Parteien, Gewerkschaften, Vereine etc.) große Probleme, dabei lebt die Demokratie doch gerade vom Widerspruch, vom keineswegs vergnügungssteuerpflichtigen Schwimmen gegen den Strom.
Wie die Sache ausgeht? Keine Ahnung - weder in Bezug auf die CSU noch in Bezug auf die Linke. Von den Querelen in der CDU ganz zu schweigen. Lassen wir uns überraschen. Erstaunlich: Bei der nach Prozenten kleinsten Partei, Bündnis 90/Die Grünen, scheint momentan gar nichts zu gären. Die geben, Jamaika hin oder Ampel her, ein Bild der Geschlossenheit ab. Wer hätte das gedacht... Aber das kann sich bereits morgen ändern.

16. Oktober 2017
Um den Kapitalismus muss es ziemlich schlecht bestellt sein, wenn sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) vor der ungleichen Verteilung des Reichtums warnt. Ungleich verteilter Reichtum polarisiere die Bürger, er mache unzufrieden und schüre Ängste. Die Menschen fürchteten, weiter abgehängt zu werden und ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Das führe schließlich dazu, dass sie für eine Politik der Abschottung und der Barrieren stimmten, warnt der Chefökonom des IWF, Maurice Obstfeld. Auch IWF-Chefin Christine Lagarde sagt, die Erträge des Welthandels müssten besser verteilt werden. Stand jedenfalls schwarz auf weiß in der Süddeutschen.
Der geneigte Leser reibt sich verwundert die Augen. War es doch in den vergangenen Jahrzehnten vor allem der IWF, der durch seine neoliberalen Rezepte an der Verbreitung der Ungleichheit maßgeblichen Anteil hatte, dessen Auflagen verursachten nämlich insbesondere in den hochverschuldeten Entwicklungsländern Not und Elend. Entweder ist es späte Einsicht oder die blanke Angst, es wirklich übertrieben zu haben. Wenn Börsianer plötzlich vor der Spekulation warnen, sollte man hellhörig werden.

14. Oktober 2017
Erinnern Sie sich noch, wie stark hierzulande die Empörung war, als der türkische Präsident Erdogan in den deutschen Wahlkampf eingegriffen hat? Erdogan forderte die türkischstämmigen Deutschen auf, bei der Bundestagswahl nicht für CDU, SPD oder die Grünen zu stimmen. Das wurde - zu Recht - als unzulässige Einmischung zurückgewiesen. Jetzt erfahren wir, dass Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen einen Wahlkampfauftritt in Wien absolvierte, er unterstützte dort Ulrike Lunacek, die Spitzenkandidatin der österreichischen Grünen. Und die liberalen Neos (Das Neue Österreich und Liberales Forum) holten zur Unterstützung den deutschen FDP-Chef Christian Lindner nach Wien. In unserem Nachbarland finden am Sonntag Nationalratswahlen statt. Nun sind weder Özdemir noch Lindner mit dem türkischen Präsidenten gleichzusetzen, zudem wurden beide eingeladen und haben sich nicht aufgedrängt, dennoch sollte die Nationalratswahl in Österreich allein eine Sache der Österreicher sein. So wie die Bundestagswahl allein eine Sache der Deutschen ist. Als Österreicher würde ich mich jedenfalls fragen, ob Wahlkampfauftritte deutscher Politiker nicht ebenfalls eine unzulässige Einmischung darstellen. Meiner Meinung nach hätten die beiden jeden Versuch unterlassen sollen, Wahlen in einem anderen Land zu beeinflussen. Schon aus Respekt den Österreichern gegenüber.

13. Oktober 2017
Als kürzlich Playboy-Gründer Hugh Hefner im Alter von 91 Jahren starb, zitierte ihn die Süddeutsche mit den Worten: "Ich habe ein Leben geführt, von dem die meisten Männer noch nicht einmal zu träumen wagen." Mag sein, vielleicht aber auch nicht. Es hieß, Hefner mochte immer diese "jungen Dinger". Als er sich etwa im Alter von 42 Jahren um eine 19-Jährige bemühte, soll diese ihre Bedenken mit den Worten zum Ausdruck gebracht haben, sie sei noch nie mit jemandem zusammen gewesen, der älter als 24 war. Hefner habe schlagfertig geantwortet: "Ich auch nicht." Wahrscheinlich wird jetzt die Schenkelklopfer-Fraktion laut wiehern.
Das Leben des ewigen Frauenjägers mag vordergründig paradiesisch gewirkt haben, doch war es das wirklich? Einmal angenommen, dass es keine Inszenierung für die Öffentlichkeit war, stelle ich mir sein Leben - trotz all der Playmates - als ziemlich unbefriedigend vor. Bis zum März 2005 habe er beispielsweise, und da war Hefner immerhin schon 79 Jahre alt, mit sieben Frauen im Alter von 18 bis 28 Jahren zusammengelebt. Danach waren es angeblich nur noch drei. Ist ein Mann, der ständig "jungen Dingern" hinterherjagt und zahlreiche sexuelle Beziehungen hat, nicht vielmehr ein Getriebener, der unentwegt etwas sucht, was er aber offenbar bei keiner Frau findet?
Und mal ehrlich: Welche Gemeinsamkeiten haben Menschen, bei denen der Altersunterschied mindestens 51 Jahre beträgt? Natürlich die geistigen Interessen und die tiefschürfenden Gespräche. Warum bin ich da nicht gleich darauf gekommen? Nicht zu vergessen das makellose Aussehen, der jugendlich straffe Körper. Außerdem, und das ist eine Erfahrung, die zwangsläufig jeder Mann an der Schwelle zum Greisenalter macht: Die jungen Dinger sind ganz wild darauf, mit alten Säcken Körpersäfte auszutauschen. "Junge Studentin sucht älteren Rentner" ist bekanntlich in Online-Partnervermittlungen der absolute Renner.
Als rastlosen Verführer inszenierte sich schon im 18. Jahrhundert ein gewisser Giacomo Casanova. Doch was an ihm beruht auf historischen Fakten? Und was ist bloß ein Mythos, der hauptsächlich Casanovas schriftstellerischem Wirken (namentlich seinen Memoiren) geschuldet ist? Darf man ihm überhaupt glauben? Wie dem auch sei, jedenfalls hat Federico Fellini Casanova wohl nicht ohne Grund als Getriebenen interpretiert, der letztlich unbefriedigt bleibt. Die meisten glauben, das Leben Casanovas wäre Hedonismus in höchster Vollendung gewesen. Genau wie bei Hugh Hefner. Doch wir sehen bei beiden nur die Fassade - das, was wir sehen sollen. Was daran tatsächlich wahr ist, darüber können wir nur spekulieren.

11. Oktober 2017
In einer Zeit, in der sich die Grünen anschicken, mit der Union und der FDP eine Bundesregierung zu bilden, ist es wohl notwendig, abermals an existenzielle Dinge zu erinnern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die Weltwirtschaft im laufenden Jahr um 3,6 Prozent wächst, für das nächste Jahr werden sogar 3,7 Prozent prognostiziert. 2016 waren es "nur" 3,2 Prozent. Wenn es wirklich so kommt, liegt das Wachstum dieser drei Jahre im Schnitt bei 3,5 Prozent. Die Ökonomen jubeln mal wieder. Die Wirtschaft braucht das Wachstum wie der Junkie seinen Stoff.
Ist die Binsenweisheit, dass es in einer endlichen Welt kein endloses Wachstum geben kann, inzwischen vergessen? Bei 3,5 Prozent verdoppelt sich das Weltsozialprodukt innerhalb von 20 Jahren. 2037 wäre es so weit. Deutschland wird seine Klimaschutzziele für 2020 aller Voraussicht nach verfehlen, dabei ließ sich Angela Merkel einst als Klimakanzlerin feiern. Nach Angaben des Energiekonzerns BP lagen die globalen CO2-Emissionen im Jahr 2016 auf Rekordniveau, in den vergangenen 10 Jahren sind sie um 13,6 Prozent gestiegen. Tendenz bis 2035: weiterhin steigend (falls nicht schnell auf Erneuerbare Energien umgestiegen wird). Wohin soll das führen?
Ein gewisser Epikur hat einmal sinngemäß gesagt: "Willst Du jemanden reich machen, vermehre nicht sein Habe, sondern verringere seine Bedürfnisse." Würden die Menschen das beherzigen, könnte der Kapitalismus natürlich einpacken, denn die Wirtschaft bräche zusammen. Man stelle sich vor, das Weltsozialprodukt würde tatsächlich schrumpfen. Auf der anderen Seite stellt sich unwillkürlich die Frage, ob nicht der Mensch bald einpackt, wenn sich an seinem Wirtschaften nichts grundlegend ändert.

10. Oktober 2017
Nachdem der FDP-Vorsitzende Christian Lindner mit Parfüm-Werbung durchaus erfolgreich Wahlkampf gemacht hat, will er nun offenbar die Koalitionsverhandlungen wie ein Reisebüro-Kaufmann bestreiten. Länder, "aus denen wir TUI-Kataloge für den Urlaub bekommen", seien für ihn sichere Herkunftsländer, sagte er mit Blick auf die Maghreb-Staaten (Tunesien, Algerien, Marokko).
Eine kurze Online-Recherche beim Reisekonzern förderte zutage: Es gibt u.a. einen TUI-Katalog für die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Thailand, Myanmar, Vietnam, Kambodscha, Laos, Malaysia, Kuba und China. Alles bedeutsame Befürworter von Demokratie und Menschenrechten. Richtet man sich strikt nach den TUI-Katalogen (sind Alltours und Thomas Cook diesbezüglich irrelevant?), wäre Simbabwe ebenfalls als sicheres Herkunftsland einzustufen. Kennt Robert Mugabe die FDP? Vermutlich nicht, aber das könnte sich ändern. Der 93-jährige Autokrat wird sein Verhältnis zu den Liberalen bestimmt mit Ricks berühmten Schlusssatz aus dem Flüchtlingsfilm (!!!) "Casablanca" einleiten: "Christian, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft." Sogar für Ägypten bekommt man einen TUI-Katalog angeboten. Wer darin allerdings das Wort "Folter" sucht, wird im Länderbericht von Amnesty International schneller fündig. Im Gegensatz zu TUI bietet die Menschenrechtsorganisation jedoch keine Pauschalreisen an. AI hat nichts mit "All Inclusive" zu tun.
Für Venezuela gibt es keinen TUI-Katalog. Caracas, das die höchste Mordrate der Welt aufweist, ist offenbar selbst für zivilisationsmüde westliche Touristen wenig empfehlenswert. Auch Nordkorea, der Südsudan, der Kongo, die Zentralafrikanische Republik sowie ganz Westafrika (Burkina Faso, Gambia, Liberia, Nigeria, Sierra Leone, Togo etc.) haben in Ermangelung eines TUI-Katalogs kaum Chancen, als sichere Herkunftsländer registriert zu werden. Reisebüro-Kaufmann Lindner kann daher in den Koalitionsverhandlungen glaubwürdig darauf verweisen, das Asylrecht weiterhin hochzuhalten.
Jamaika ist übrigens in den TUI-Katalogen enthalten. Dafür, dass die Jamaika-Gespräche friedlich verlaufen, gibt es dennoch keine Garantie.

09. Oktober 2017
In Douglas Adams' Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" rechnet ein Supercomputer 7,5 Mio. Jahre lang, um die Fragen aller Fragen zu beantworten. Die Antwort lautete: "42". Die beiden Männer, die sie mit freudiger Erwartung entgegennahmen, waren natürlich furchtbar enttäuscht. 42? Das sollte die Antwort auf die Fragen aller Fragen sein? Unmöglich!
Genauso baff waren wohl die politischen Beobachter, als die Union dem Land ihren Formelkompromiss in Sachen Obergrenze präsentierte. Die Antwort war: "42". Oder zumindest so ähnlich. Die Süddeutsche rechnet wie folgt: "Neue Asylbewerber plus Familiennachzügler plus Kontingentflüchtlinge minus freiwillige Rückkehrer minus Abgeschobene ist gleich 200.000. Maximal." Na, alles klar?
CSU-Chef Horst Seehofer bekommt seine Obergrenze, die aber nicht Obergrenze heißen darf, sondern Zielgröße. Deutschland wird pro Jahr maximal 200.000 Flüchtlinge aufnehmen. Netto, versteht sich. Von denen, die tatsächlich kommen, werden diejenigen abgezogen, die freiwillig ausreisen oder die man abschiebt. Das Asylrecht bleibt unangetastet, neu hinzukommen soll ein Zuwanderungsgesetz. Ob diese Formel der Wirklichkeit standhält, muss sich erst noch zeigen. Sofern sie überhaupt die Koalitionsverhandlungen unbeschadet übersteht. Momentan scheinen jedenfalls alle in der Union mit dem Formelkompromiss zufrieden zu sein. Zerwürfnis? Stimmt, da war mal was...
Die Politik ist wirklich die ganz große Bühne. Da werden Schauspiele geboten, die uns alle mächtig staunen lassen. Wir sind echt baff. So wie die beiden Männer vor dem Supercomputer. Bloß brauchte der Politikbetrieb dazu keine 7,5 Mio. Jahre. Die Dauer eines Bundestagswahlkampfes hatte vollauf genügt.

08. Oktober 2017
"Die heutigen Alten sind ungleich fitter als deren Eltern", schreibt Nikolaus Piper von der Süddeutschen. Und da sei "es nicht sehr sinnvoll, gute Fachkräfte aufs Altenteil zu zwingen", bloß weil sie das offizielle Rentenalter erreichen. Allerdings wird entgegen seiner Behauptung niemand aufs Altenteil "gezwungen", vielmehr kann jeder aus freien Stücken weiterarbeiten. Entweder anstatt oder neben der Rente. Die Zwangsrente - es gibt sie schlicht nicht. Bei manchen Tarifverträgen läuft das Arbeitsverhältnis mit Erreichen der Regelaltersrente automatisch aus. Aber es ist keiner gehindert, sich um einen freien Arbeitsplatz zu bewerben.
Piper fordert, "die offizielle Altersgrenze ganz abzuschaffen und den Übergang in die Rente flexibel zu gestalten". Doch auch er beklagt, dass über 55-Jährige immer noch große Probleme haben, auf dem normalen Arbeitsmarkt einen neuen Job zu finden. Piper verlangt daher ein Umdenken der Arbeitgeber. Am wichtigsten sei es, "die Altersgrenze aus den Köpfen zu bringen". Und er meint allen Ernstes: Von daher lohne es sich zu beobachten, "wie Heynckes mit der schwierigen Gemengelage bei den Bayern zurechtkommt". Nun sind die Älteren gewiss keine "Generation Heynckes", wie uns Piper in seinem schrägen Vergleich weismachen will, denn normale Arbeitnehmer sind wohl kaum mit einem Fußballtrainer gleichzusetzen, der für sein Kurzzeitengagement vermutlich ein Millionengehalt beziehen wird.
Genau da liegt der Hase im Pfeffer: Beim Geld. Wenn jemand früher in Rente gehen will oder (aus gesundheitlichen Gründen) muss, ist die Rentenhöhe die alles entscheidende Frage. Wie die von Piper beschworene Flexibilität finanziell unterfüttert werden soll, verschweigt er uns jedoch. Die Standardrente nach 45 Versicherungsjahren beträgt heute lediglich 1.231 Euro (netto vor Steuern), das bedeutet ein Rentenniveau von 48,2 Prozent. Wir haben keine "Generation Heynckes", wir haben eine "Generation Niedrigrente". Genau daran kranken ja all diese schönen Rentenmodelle, in der Konsequenz sind sie nämlich meist Rentenkürzungsprogramme. Nur offen sagen will man das niemand, stattdessen werden die perfiden Absichten mit positiv klingenden Begriffen bemäntelt. Generation Heynckes? Pah!

06. Oktober 2017
Würde sich Katalonien von Spanien lösen, könnte es kein EU-Mitglied mehr sein, liest man allenthalben. Es müsste sich vielmehr erst wieder um die Mitgliedschaft bewerben. Wobei die Katalanen sämtliche Kriterien locker erfüllen würden: Ihr Pro-Kopf-Einkommen lag nach Angaben von Eurostat im Jahr 2015 mit 27.600 Euro fast genau auf dem Niveau des EU-Durchschnitts (28.900 €), die Außenhandelsbilanz der Region ist positiv und die Schuldenquote beträgt lediglich 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wirtschaftlich wäre Katalonien von Anfang an für die EU-Mitgliedschaft und für die Aufnahme in die Eurozone qualifiziert. Der spanische Finanzminister dagegen prophezeit den Katalanen nach der Unabhängigkeit wegen der fehlenden EU-Mitgliedschaft einen ökonomischen Einbruch um 25 bis 30 Prozent. Die Drohkulisse soll der Regionalregierung in Barcelona Angst machen.
Doch warum müsste Katalonien nach der Unabhängigkeit eigentlich automatisch aus der EU ausscheiden? Soweit ich weiß, ist dieser Fall im EU-Vertrag überhaupt nicht explizit geregelt, sondern wird dort von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nur so hineininterpretiert. Was der EuGH dazu sagt, steht auf einem anderen Blatt.
Der Rauswurf durch die Hintertür ist in meinen Augen auch ungehörig. Stellen wir uns die EU einmal kurz als Dorfgemeinschaft vor, die Häuser des Dorfes repräsentieren die einzelnen Mitgliedstaaten. Nun erklärt eine Angehörige des spanischen Hauses, sie werde sich scheiden lassen, ausziehen und nebenan ihr eigenes Haus errichten. Ist sie dadurch wirklich nicht mehr Mitglied der Dorfgemeinschaft? Müssen wir sie gleich ganz aus dem Dorf hinauskomplimentieren? Was ist das eigentlich für eine europäische Familie, die in Scheidungsfragen einen der Partner gewissermaßen exkommuniziert? Motto: "Wer sich scheiden lässt, mit dem wollen wir nichts mehr zu tun haben." Das ist m.E. rechtlich fragwürdig, vollkommen unverhältnismäßig sowie unter ethischen Gesichtspunkten absolut niederträchtig. Und außerdem, wenn Sie mich fragen, ziemlich kindisch. Wenn das die moralische Substanz Europas ist, dann gute Nacht.
Die Katalanen sollen selbst entscheiden, ob sie bei Spanien bleiben oder selbständig werden wollen. In meinen Augen ist das ein demokratisches Grundrecht. Und solche Entscheidungen sollten nicht unter Drohungen, aber durchaus mit Bedacht gefällt werden.

05. Oktober 2017
Apple ist schon eine komische Firma geworden. Früher schmückte sich der Konzern mit dem Image eines Rebellen. Das Establishment, das inhärent Böse, hörte auf den Namen Microsoft. Heute ist das anders: Während Microsoft-Gründer Bill Gates bis zu seinem Tod fast sein gesamtes Privatvermögen spenden will (über die Details kann man zu Recht streiten), glänzt Apples Steuervermeidungsstrategie mit geradezu obszönen Steuersätzen in Höhe von 0,005 Prozent. Sollen doch die anderen Straßen, Schulen oder die Polizei finanzieren.
Auch technisch ist Apples Vorreiterrolle fragwürdig geworden. Das neue Betriebssystem (iOS 11) für mein iPad Air 2 ist gerade mal seit zwei Wochen auf dem Markt - und schon sind zwei Updates notwendig geworden. Es gab Probleme, bei mir klappte zum Beispiel die Rückkehr vom WLAN auf das Mobilfunknetz nur durch einen Neustart. Dabei müsste Cupertino die vergleichsweise kleine Hardwarebasis doch eigentlich voll im Griff haben, weil das Betriebssystem nur auf Apple-Geräten läuft. Für mein 2012 erworbenes iPad 3 gibt es längst keine Sicherheitsupdates mehr. Bei dem Gedanken daran ist mir ein bisschen unwohl. Auf dem PC habe ich da keine Probleme, selbst für ein 2001 gekauftes Notebook bekomme ich noch problemlos Updates. Es läuft mit dem aktuellen Xubuntu. Nicht superschnell, aber zum Surfen und als Schreibmaschine allemal geeignet. iOS 11 sieht jetzt ein bisschen gefälliger aus, doch über die Sinnhaftigkeit der Änderungen kann man streiten. Der Schalter für die adaptive Helligkeit findet sich neuerdings - wie sinnig - nicht mehr unter "Anzeige & Helligkeit", sondern unter "Allgemein / Bedienungshilfen/ Display-Anpassungen". Nun ja. Einst war Apple ein Synonym für intuitives Arbeiten.
Dafür erlaubt sich die Firma, mich zu bevormunden. Meine eBooks bekomme ich zwar auf das iPad, aber nicht von dort auf den Computer. Der Export scheitert an der fehlenden Exportfunktion. Mein iPad ist gewissermaßen abgeriegelt. Warum? Was gehen Apple meine eBooks an? Das finde ich ziemlich unverfroren. Und wenn ich mein altes iPad von meiner Apple-ID entknüpfen will, weist mich die Firma darauf hin: "Je nachdem, wann Sie Ihr Gerät mit Ihrer Apple-ID verknüpft haben, müssen Sie möglicherweise bis zu 90 Tage warten, bevor Sie das Gerät mit einer anderen Apple-ID verknüpfen können." Diese kundenfreundliche Regelung (Achtung: Ironie!) erschließt sich mir nicht einmal auf den dritten Blick.
Alles in allem werde ich es mir gut überlegen, ob ich noch einmal zu Produkten mit dem Apfel greife. Ach, das waren eben noch Zeiten, als man mit dem Apple LC III hochnäsig auf die "Dosen" herabblicken konnte...

04. Oktober 2017
In der griechischen Mythologie war Sisyphos dazu verurteilt, einen Stein den Berg hinaufzurollen. Immer kurz vor dem Erreichen des Gipfels entglitt ihm der Stein und rollte wieder hinab. Sisyphos musste seine Arbeit ständig von vorne beginnen. Dennoch schrieb der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus 1942 im "Der Mythos des Sisyphos": "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Camus hat mich nicht überzeugt. Es ist eine Qual, im Bewusstseins des unausweichlichen Scheiterns den Stein mühsam den Hang hinaufzurollen. Glück stelle ich mir anders vor.
Wie Sisyphos müssen sich die Gegner des laxen Waffenrechts in den USA vorkommen. Im Jahr 2016 kamen dort laut Statista 14.971 Menschen durch Schusswaffen ums Leben, 30.558 wurden durch Schusswaffen verletzt. Die Stadt Schriesheim in der Nähe von Heidelberg hatte Ende des vergangenen Jahres 14.901 Einwohner. In den USA wird also sozusagen jedes Jahr eine Stadt von der Größe Schriesheims ausradiert. Man muss es leider so drastisch formulieren. Mit Waffen, die die meisten Deutschen nur aus dem Kino kennen. Im "Land der Freien" kann man die nämlich fast überall kaufen. Damit herumballern und Menschen töten ist zwar verboten, kommt aber trotzdem öfter vor, wie zum Beispiel soeben in Las Vegas.
Dennoch lässt sich dieser Irrsinn nicht stoppen. Wie Sisyphos scheitern die Bemühungen, das Waffenrecht zu verschärfen, immer wieder aufs Neue. Der 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten aus dem Jahr 1791, der den Amerikanern nach vorherrschender Rechtsauslegung den Besitz und das Tragen von Waffen gestattet, ist nur vorgeschoben. Was fehlt, ist der politische Wille. Nur so ist der geradezu absurde Zustand überhaupt erklärbar, dass rechnerisch auf fast jeden Einwohner eine Schusswaffe kommt. Die Amerikaner sind mehrheitlich Waffennarren. Ungefähr in dem Ausmaß, wie die Deutschen Autonarren sind. Würde man in den USA das Waffenrecht verschärfen, wäre das hierzulande gleichbedeutend mit einer Verordnung, nur noch Kleinwagen mit 50 PS-Motor fahren zu dürfen. Deshalb stimmt vermutlich die pessimistische Einschätzung, dass auch das Massaker von Las Vegas am Waffenrecht nichts ändern wird. Wie Sisyphos mit seinem Stein werden die Waffengegner abermals eine Niederlage erleiden. Sogar jetzt noch. Nur eins ist gewiss: Das nächste Massaker. Irgendwann. Irgendwo. Und ja, es ist frustrierend. Selbst für Sisyphos. Egal, was Albert Camus darüber dachte.

01. Oktober 2017
Der säkulare Nationalstaat legt großen Wert auf Symbole, schließlich muss er irgendwie die emotionale Verbundenheit der Individuen mit dem Staat erzeugen, ohne die niemand bereit wäre, seine eigenen Interessen zurückzustellen, etwa als Soldat im Krieg. Warum sonst sollte der Einzelne für die Gesellschaft sein Leben opfern? Das klappt nur, wenn man den Staatsbürgern suggeriert, sie würden sich für höherrangige Interessen einsetzen. Im Idealfall sind die Interessen der Individuen und des Staates deckungsgleich, zum Beispiel der Wunsch, in Wohlstand und Frieden zu leben. Allerdings werden solche vermeintlich höherrangigen Ziele häufig missbraucht, um bestimmten Einzelinteressen eine willige Masse zur Verfügung zu stellen. Der Nationalstolz und die Symbole des Staates dienen dann nur dazu, die wahren Ziele moralisch zu verbrämen.
Eines dieser nützlichen Symbole ist die Flagge der Vereinigten Staaten. Wenn die Nationalhymne (The Star-Spangled Banner) gespielt wird, legen viele pathetisch die rechte Hand ans Herz und singen inbrünstig mit. Patriotisch gesinnten Amerikanern gilt die Flagge als heilig. Doch neuerdings wollen etliche Sportler der National Football League (NFL) nicht mehr mitspielen. Wenn im Stadion die Nationalhymne erklingt, knien sie aus Protest gegen Rassendiskriminierung und Polizeigewalt nieder. US-Präsident Donald Trump bezeichnet die Protestierenden als Hurensöhne, die man entlassen müsse, er fordert Respekt vor der Flagge.
Doch erstens muss man sich Respekt verdienen, er ist kein Selbstzweck und kann schon gar nicht von oben verordnet werden. Respekt und Zwang schließen sich gegenseitig aus. Entweder wird Respekt aus Überzeugung gewährt oder er verkommt zur hohlen Phrase, zur sinnentleerten Symbolik. Außerdem besudelt momentan niemand die Ehre der Nation mehr als Donald Trump selbst. Zweitens ist es schon bemerkenswert, dass sich im "Land der Freien" ein Staatspräsident erdreistet, den Menschen vorzuschreiben, wie sie sich bei bestimmten Anlässen zu verhalten haben. Letztlich will er bloß davon ablenken, dass Rassendiskriminierung in den USA nach wie vor ein Problem ist. Ein Problem übrigens, das gerade Donald Trump verstärkt, Charlottesville lässt grüßen.
Ich persönlich habe staatliche Symbolik, zackig in Reih und Glied marschieren oder das Aufstehen beim Spielen der Nationalhymne, schon von jeher für ziemlich lächerlich gehalten. Obgleich ich mich durchaus als Patriot bezeichnen würde - als Verfassungspatriot. Aber Verfassungspatrioten, denen die Inhalte (Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte etc.) wichtiger sind als Äußerlichkeiten, können leicht auf das vermeintlich staatstragende Brimborium verzichten.



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