Home | Archiv | Impressum


05. Dezember 2017
Es geht mir nicht darum, jemanden in Schutz zu nehmen oder mutmaßliche Straftaten zu bagatellisieren. Es geht mir jedoch um ein Verfahren, auf das wir aus gutem Grund seit langem großen Wert legen. Das Verfahren nennt sich Rechtsstaat.
Jetzt also auch James Levine. Die Vorwürfe reichen laut New York Times bis ins Jahr 1968 zurück, sind also teilweise fast 50 Jahre alt. Damals war Levine 25 Jahre jung und noch nicht der Stardirigent, der er heute ist. Doch obwohl es bislang bloß Vorwürfe gibt und keine Beweise, hat die Metropolitan Opera James Levine sofort suspendiert. Was ist eigentlich aus dem rechtsstaatlichen Verfahren geworden, das es früher einmal gab? Und der Unschuldsvermutung? Vorwürfe sind zunächst einmal Vorwürfe. Nicht mehr, aber zweifelsohne auch nicht weniger. Sie harren der Aufklärung. Und zwar in einem ordentlichen (d.h. fairen) Verfahren. Genau darum geht es. Oder sagen wir: Darum müsste es gehen.
Es ist schlimm, wenn jemand Jugendliche missbraucht, aber sollten wir nicht erst das Ergebnis der Ermittlungen abwarten, bevor wir uns ein Urteil bilden? Übrigens: Nach dem derzeit gültigen Recht in Deutschland (§ 182 StGB) wären die Vorwürfe gegen Levine, falls keine Ausnutzung einer Zwangslage oder Zahlung eines Entgelts vorlag, nicht einmal strafbar. Allerdings war das auch bei uns in den sechziger Jahren noch anders.
John Oliver, in den USA ein bekannter Talk-Master (Last Week Tonight), hat in einer Diskussion zum Schauspieler Dustin Hoffman gesagt: "Wenn es passiert ist und du keinen Beweis lieferst, dass es nicht passiert ist…" (Es ging um verbale sexuelle Belästigung durch Hoffman am Set des Films "Tod eines Handlungsreisenden" im Jahr 1985.) Die Betonung liegt auf "wenn du keinen Beweis lieferst". Noch einmal: Es geht mir um das rechtsstaatliche Verfahren. Bislang mussten Beschuldigte jedenfalls keine Unschuldsbeweise liefern, die Anklage musste ihnen vielmehr Taten nachweisen. Zu beweisen, dass etwas nicht passiert ist, dürfte ohnehin recht schwierig sein. Ich glaube kaum, dass die momentan praktizierte Verfahrensweise der Sache dienlich ist. Trennt die Spreu vom Weizen, aber werdet bitte nicht hysterisch.



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim



Home | Archiv | Impressum