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01. November 2017
Rückblickend können wir eine gesellschaftliche Hysterie meist zuverlässig als solche diagnostizieren. Und oft genug erscheint uns dann das Verhalten der Beteiligten vollkommen unverständlich, ja geradezu als absurd. Zum Beispiel was die Hexenprozesse von Salem angeht. 1692 kam es dort zu Hexenverfolgungen, in deren Verlauf 20 Menschen hingerichtet und 55 unter der Folter zu Falschaussagen gezwungen wurden. Zahlreiche Verdächtigte wurden der Hexerei beschuldigt und inhaftiert, blindwütiger Furor tobte sich aus. Gab oder gibt es Hexen? Natürlich nicht, ich bitte Sie. Im Nachhinein ist uns das sonnenklar, den damaligen Zeitgenossen aber offenkundig nicht.
Das Gleiche denken wir heute über die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära, die viele bürgerliche Karrieren zerstört hat. J. Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter des Manhattan-Projekts (Bau der amerikanischen Atombombe), war so ein Fall. Es gab Denunziationen und schwarze Listen (faktische Berufsverbote), einige wurden sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, etwa der Schriftsteller Arthur Miller (Tod eines Handlungsreisenden). Jeder, der eine kritische Meinung vertrat, konnte in Verdacht geraten, mit Kommunisten zu sympathisieren oder selbst einer zu sein.
Wenn man mitten in einer gesellschaftlichen Hysterie steckt, fühlt man sich wie von einem Tsunami getroffen, dem der Einzelne machtlos ausgeliefert ist. Es wird späteren Generationen überlassen bleiben, unter diesem Gesichtspunkt unsere Gegenwart zu bewerten. Manches erscheint mir heutzutage durchaus hysterisch. So ist beispielsweise gerade der britische Verteidigungsminister Michael Fallon zurückgetreten, weil er vor 15 Jahren einer Journalistin bei einem Abendessen am Rande eines Tory-Parteitags die Hand aufs Knie gelegt hat. Allerdings fühlt sich die Journalistin gar nicht als Opfer sexueller Belästigung. "Dieser 'Vorfall' passierte 2002. Niemand war im entferntesten verärgert oder angegriffen. Mein Knie ist noch intakt", äußerte sie sich dazu auf Twitter. Sie bekräftigte, nicht Teil einer "Hexenjagd in Westminster" sein zu wollen. Gleichwohl ist die Presse über den Minister hergefallen. Warum traut sich keiner mehr, diesem Unsinn entgegenzutreten?
Gibt es Männer, die Frauen sexuell belästigen? Selbstverständlich. Leider wohl nicht zu wenige. Und das ist auch zu verurteilen. Aber wenn nun ständig Vorwürfe laut werden, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen und deren Wahrheitsgehalt zunächst völlig unklar ist, muss man unbedingt auf einem ordentlichen Verfahren bestehen. Und, wie in einem Rechtsstaat üblich, auf der Unschuldsvermutung. Bis zum Beweis des Gegenteils, bedeutet das üblicherweise. Dem ist aber momentan nicht so, da gilt jeder ausgesprochene Verdacht sofort als unumstößliche Tatsache, gegen den sich Betroffene kaum noch verteidigen können. Man ist ein Schwein, wenn man von irgendjemand Schwein genannt wird. Ob man wirklich ein Schwein ist, ist für die Öffentlichkeit unwichtig. Das sind in meinen Augen Anzeichen von Hysterie. Bitte nicht missverstehen: Es geht keineswegs darum, unzulässiges Verhalten zu verteidigen. Aber wir sollten nicht darauf verzichten, trotz der berechtigten Empörung zu differenzieren.



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim



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