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04. Oktober 2017
In der griechischen Mythologie war Sisyphos dazu verurteilt, einen Stein den Berg hinaufzurollen. Immer kurz vor dem Erreichen des Gipfels entglitt ihm der Stein und rollte wieder hinab. Sisyphos musste seine Arbeit ständig von vorne beginnen. Dennoch schrieb der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus 1942 im "Der Mythos des Sisyphos": "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Camus hat mich nicht überzeugt. Es ist eine Qual, im Bewusstseins des unausweichlichen Scheiterns den Stein mühsam den Hang hinaufzurollen. Glück stelle ich mir anders vor.
Wie Sisyphos müssen sich die Gegner des laxen Waffenrechts in den USA vorkommen. Im Jahr 2016 kamen dort laut Statista 14.971 Menschen durch Schusswaffen ums Leben, 30.558 wurden durch Schusswaffen verletzt. Die Stadt Schriesheim in der Nähe von Heidelberg hatte Ende des vergangenen Jahres 14.901 Einwohner. In den USA wird also sozusagen jedes Jahr eine Stadt von der Größe Schriesheims ausradiert. Man muss es leider so drastisch formulieren. Mit Waffen, die die meisten Deutschen nur aus dem Kino kennen. Im "Land der Freien" kann man die nämlich fast überall kaufen. Damit herumballern und Menschen töten ist zwar verboten, kommt aber trotzdem öfter vor, wie zum Beispiel soeben in Las Vegas.
Dennoch lässt sich dieser Irrsinn nicht stoppen. Wie Sisyphos scheitern die Bemühungen, das Waffenrecht zu verschärfen, immer wieder aufs Neue. Der 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten aus dem Jahr 1791, der den Amerikanern nach vorherrschender Rechtsauslegung den Besitz und das Tragen von Waffen gestattet, ist nur vorgeschoben. Was fehlt, ist der politische Wille. Nur so ist der geradezu absurde Zustand überhaupt erklärbar, dass rechnerisch auf fast jeden Einwohner eine Schusswaffe kommt. Die Amerikaner sind mehrheitlich Waffennarren. Ungefähr in dem Ausmaß, wie die Deutschen Autonarren sind. Würde man in den USA das Waffenrecht verschärfen, wäre das hierzulande gleichbedeutend mit einer Verordnung, nur noch Kleinwagen mit 50 PS-Motor fahren zu dürfen. Deshalb stimmt vermutlich die pessimistische Einschätzung, dass auch das Massaker von Las Vegas am Waffenrecht nichts ändern wird. Wie Sisyphos mit seinem Stein werden die Waffengegner abermals eine Niederlage erleiden. Sogar jetzt noch. Nur eins ist gewiss: Das nächste Massaker. Irgendwann. Irgendwo. Und ja, es ist frustrierend. Selbst für Sisyphos. Egal, was Albert Camus darüber dachte.



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim
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