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09. August 2017
Die Lage spitzt sich weiter zu, die gegenseitigen Drohungen werden immer martialischer. US-Präsident Donald Trump, der innenpolitisch eine Niederlage nach der anderen erleidet, droht Nordkorea "mit Feuer, Wut und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat". Nordkorea wiederum droht den USA mit dem "totalen Krieg", die kommunistische Erbmonarchie werde "sämtliche Stützpunkte des Gegners ausrotten (...), auch auf dem US-Festland". Säßen auf beiden Seiten - den ideologischen Unterschieden zum Trotz - rationale Staatsmänner, könnte man dies als Theaterdonner abtun, der uns nicht weiter beunruhigen müsste. Genau dem ist aber nicht so.
In Nordkorea hält ein 33-jähriger Jungspund die Fäden in der Hand, der von Kindesbeinen an durch einen bizarren Persönlichkeitskult und eine politische Kultur, die keinerlei Widerspruch duldet, geprägt ist. Wer so aufwächst, hat - um es vorsichtig zu formulieren - einen speziellen Zugang zur Realität. So einer übernimmt sich dann auch schnell einmal, beispielsweise indem er in seinem Größenwahn glaubt, gegen eine Supermacht gewinnen zu können. Im Weißen Haus hingegen sitzt ein infantiler Egomane und notorischer Lügner, der ebenfalls in seiner eigenen Realität zu leben scheint, schließlich glaubt Trump an "alternative Fakten". Dass er sich bewusst ist, welch verheerende Folgen selbst ein regional begrenzter Nuklearkrieg haben kann, darf man mit Fug und Recht bezweifeln.
Wenn also an der Spitze von zwei feindlich gesinnten Atommächten Männer mit einem derartigen Persönlichkeitsprofil sitzen, ist das extrem besorgniserregend. Da kann man allenfalls noch auf vernünftige Berater hoffen. Ob Kim Jong-un überhaupt Berater hat, die ihm auch einmal Kontra geben, weiß außer dem engsten Führungszirkel in Pjöngjang keiner. Angeblich lässt der Diktator Funktionäre schon wegen Lappalien hinrichten, die Neigung zum Widerspruch dürfte in seiner Entourage entsprechend gering ausfallen. Vom gemeinen Volk ganz zu schweigen. Und die Chaotentruppe im Weißen Haus ist ja bereits nach einem halben Jahr legendär. Selbst wenn viele Amerikaner ihre Wahl inzwischen bereuen sollten, das nützt jetzt auch nicht mehr viel. Präsident ist Präsident. Mit anderen Worten: Das Ganze verspricht heikel zu werden.



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim
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