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06. Mai 2017
Stephen Hawking, vermutlich der berühmteste lebende Physiker der Erde, sieht die Menschheit schon in 100 Jahren am Ende und empfiehlt ihr, die Erde zu verlassen und sich einen anderen Planeten zu suchen. Doch wer jetzt gleich den Möbelwagen bestellen will, sollte sich vor Augen halten, dass diese Empfehlung aus zwei Gründen unrealistisch ist:
Erstens dürften allenfalls die Superreichen unter den Superreichen überhaupt eine Chance haben, die Erde zu verlassen. Anzunehmen, die jetzige Erdbevölkerung von rund 7,5 Mrd. Menschen könnte einfach auf einen anderen Planeten übersiedeln, ist absurd. Schon allein wegen den horrenden Kosten und den begrenzten Ressourcen (zählen Sie mal kurz nach, wie viele Raketen Sie dafür bräuchten). Die Superreichen unter den Superreichen, also Menschen, die mit dem dafür notwendigen Kleingeld ausgestattet sind, würden den Rest einfach ihrem Schicksal überlassen und sich in einer Nacht- und Nebelaktion verdünnisieren. Da sollte man sich nichts vormachen. Oder glauben Sie wirklich, es gäbe in den Raumschiffen Kontingente für Hartz IV-Empfänger?
Zweitens bin ich vom früheren Inhaber des Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge, auf dem einst der große Isaac Newton saß, schwer enttäuscht. Hawking denkt nicht bloß an den unwirtlichen Mars (dünne Atmosphäre ohne Sauerstoff, mittlere Temperatur -55 Grad Celsius), sondern sogar übers Sonnensystem hinaus. Bei aller Liebe, ein bisschen sollte sich selbst Hawking an die Naturgesetze halten, die dürften ihm schließlich nicht unbekannt sein. Der Besiedelung des Universums steht beispielsweise so etwas Fundamentales wie die Lichtgeschwindigkeit als absolute Obergrenze entgegen. Falls unsere Technologie keine Quantensprünge macht, kommen wir nicht mal in die Nähe der Lichtgeschwindigkeit. Voyager 1, die Raumsonde, die sich bislang am weitesten von der Erde entfernt hat, fliegt derzeit relativ zu unserer Sonne mit einer Geschwindigkeit von 17.037 m/s (61.333,2 km/h). Proxima Centauri ist unser nächster kosmischer Nachbarstern und 4,24 Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt, das sind immerhin 40,1 Billionen Kilometer. Voyager 1 würde bis dahin rund 75.000 Jahre brauchen.
Nur um einen kleinen Anhaltspunkt zu bieten, wie riesig dieser Zeitraum ist: Vor 75.000 Jahren benutzte der Homo sapiens noch Faustkeile und Keilmesser. Die ältesten Höhlenmalereien der Menschheit sind "erst" vor 40.000 (El-Castillo-Höhle und Abri Castanet), 32.000 (Chauvet-Höhle) und 30.000 Jahren (Höhle von Pair-non-Pair) entstanden. 75.000 Jahre - so alt wird keine Kuh im Odenwald. Außerdem müsste man für die Reise alles zum Leben notwendige mitnehmen (Luft, Wasser, Nahrung, Energie, Rohstoffe, Ersatzteile etc.). Die gefährliche kosmische Strahlung ist ebenfalls ein ungelöstes Problem. Sorry, die Besiedelung des Universums wird vorerst nur im Kino stattfinden. Und die Schwierigkeiten, die wir hier auf der Erde haben, sollten wir gefälligst auch hier lösen. Wir haben sie ja auch verursacht.



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim
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